Gedanken, wenn ich melancholisch bin
Das Innen und das Außen, zwei Welten in denen wir leben. Die eine davon meist bekannter, als die andere. – wer kennt sich schon selbst? Wer lebt voller Liebe von innen nach außen. – und letztlich ist da nur das Eine: kein Innen, kein Außen, nur Wirklichkeit.
„Wenn ihr denkt, dass etwas von außen kommt, dann heißt das nur, dass es in eurem Geist auftaucht.
Nichts außerhalb von euch selbst kann Schwierigkeiten verursachen.“
(Shunryu Suzuki in „Zengeist-Anfängergeist“ – Wellen des Geistes)
Diese Worte sind sie von einer stillen Radikalität. Denn sie verschieben den Blick: weg von dem, was uns umgibt, hin zu dem, was uns bewegt.
Die Suche im Außen
Viele Menschen sind Meisterinnen und Meister der äußeren Orientierung. Sie wissen, wen sie kennen sollten, was sie besitzen möchten, wo sie noch hinmüssen, um endlich anzukommen. Ein neues Projekt. Ein neuer Kontakt. Ein anderes Umfeld. Manchmal sogar ein anderes Leben.
Das Außen ist laut, bunt und voller Angebote. Es verspricht Lösungen, Erleichterung, Sinn. Und oft funktioniert das auch – zumindest kurzfristig. Ein Erfolgserlebnis hebt die Stimmung. Anerkennung wärmt. Ein neuer Gegenstand erzeugt für einen Moment das Gefühl von Fülle.
Doch nicht selten folgt darauf etwas anderes: ein leises Nachlassen, ein erneutes Suchen, eine diffuse Unruhe. Als hätte man etwas berührt, aber nicht wirklich erreicht.
Das vergessene Innen
Der Grund dafür liegt selten im Mangel an Möglichkeiten, sondern häufig im Mangel an Kontakt – zum eigenen Inneren.
Emotionen, Motive, innere Antreiber: Für viele Menschen sind sie eher Vermutungen als vertraute Begleiter. Man spürt zwar Unzufriedenheit, Ärger oder Leere, aber die Frage „Was genau geht da gerade in mir vor?“ bleibt unbeantwortet. Stattdessen richtet sich der Blick reflexhaft nach außen: Wer oder was ist dafür verantwortlich?
Das Innen wirkt im Vergleich zum Außen oft unklar, schwer greifbar, manchmal sogar bedrohlich. Gefühle lassen sich nicht so einfach „lösen“ wie Aufgaben. Motive sind nicht immer schmeichelhaft. Und Stille konfrontiert uns mit Fragen, die wir im Trubel des Alltags gut vermeiden können.
Zwei Qualitäten, zwei Welten
Philosophisch – und auch buddhistisch gedacht – lässt sich hier eine Polarität beschreiben:
- Das Außen: Erscheinungen, Rollen, Beziehungen, Dinge. Bedingt, vergänglich, im ständigen Wandel.
- Das Innen: Erleben, Bewusstsein, Intention, Geist. Unsichtbar, aber wirksam. Still – und doch schöpferisch.
Das Außen erscheint uns oft realer, weil es sichtbar und teilbar ist. Das Innen hingegen bleibt privat, subjektiv, schwer vermittelbar. Und doch ist es genau dieses Innen, das Bedeutung verleiht. Dasselbe Ereignis kann je nach innerem Zustand als Chance oder als Bedrohung erlebt werden. Nicht die Situation entscheidet – sondern die innere Haltung, mit der wir ihr begegnen.
Der stille Zusammenhang
Und hier wird es spannend: Diese Trennung zwischen Innen und Außen ist hilfreich – aber nicht wahr im letzten Sinne.
Denn das, was wir „Außen“ nennen, erfahren wir immer durch unser Innen. Unsere Wahrnehmung, unsere Deutungen, unsere Erwartungen färben die Welt, die wir erleben. In diesem Sinne erschaffen wir sie mit – nicht materiell, aber existenziell.
Umgekehrt formt das Außen natürlich auch unser Innen. Beziehungen prägen uns. Worte wirken nach. Erfahrungen hinterlassen Spuren. Es ist kein Entweder-oder, sondern ein ständiger Dialog.
Zurück zu sich – und weiter in die Welt
Coaching beginnt oft dort, wo Menschen merken: Ich habe im Außen viel bewegt – aber mich selbst dabei ein Stück verloren. Der Weg nach innen ist dann kein Rückzug aus der Welt, sondern eine Rückverbindung. Ein Lauschen. Ein ehrliches Interesse an den eigenen Beweggründen.
Wer Zugang zum eigenen Innen findet, sucht nicht weniger im Außen – aber anders. Klarer. Freier. Weniger kompensierend, mehr gestaltend.
Vielleicht ist das die eigentliche Einladung dieses Themas:
Nicht zwischen Innen und Außen zu wählen, sondern zu erkennen, dass sie sich gegenseitig hervorbringen. Und dass echte Veränderung dort beginnt, wo wir bereit sind, uns selbst zu begegnen – still genug, um zu hören, was uns wirklich bewegt.
Carsten Hokema
Bild von Piyapong Saydaung auf Pixabay


